Was TPD bedeutet, und warum mehr nicht besser ist
TPD steht für turns per day, also die Umdrehungen pro Tag, die ein Uhrenbeweger ausführt. Jede Umdrehung schwenkt den Rotor deiner Automatikuhr und spannt damit die Zugfeder ein Stück. Am Handgelenk passiert dasselbe nebenbei: Ein normaler Tag liefert grob so viel Rotorbewegung, wie 650 bis 800 gezielte Umdrehungen auf dem Beweger erzeugen. Genau deshalb ist dieser Bereich der Industriestandard der Winder-Datenbanken.
Mehr Umdrehungen machen die Uhr nicht gesünder oder genauer. Ist die Zugfeder voll, verhindert die Rutschkupplung im Federhaus jedes Überspannen, überschüssige Umdrehungen verpuffen schlicht als Bewegung. Wer also 1.900 statt 800 TPD einstellt, gewinnt nichts und lässt Motor wie Werk nur unnötig arbeiten. Die Kunst liegt nicht im Maximum, sondern im Minimum, das die Uhr zuverlässig voll hält.
Die TPD-Tabelle für gängige Kaliber
Die folgenden Werte haben wir aus den Einstellungs-Datenbanken der Winder-Hersteller (unter anderem watch-winder.store, Aurawinder, Orbita, Barrington) und Kaliber-Spezifikationsquellen wie Caliber Corner zusammengetragen und gegeneinander geprüft. Wo Quellen sich widersprechen oder Angaben fehlen, steht das ehrlich dabei, statt dass wir Werte erfinden.
| Kaliber | Typische Uhren | Empf. TPD | Drehrichtung | Gangreserve |
|---|---|---|---|---|
| ETA 2824-2 | Klassiker vieler Schweizer Marken | 650 | beidseitig | ca. 38 h |
| ETA 2892-A2 | Flachere Oberklasse-Modelle | 650 | beidseitig | ca. 42 h |
| ETA/Valjoux 7750 | Automatik-Chronographen | 800 | nur im Uhrzeigersinn | 44 bis 48 h |
| ETA C07 (Powermatic 80) | Tissot PRX, Certina DS | 650 | beidseitig | ca. 80 h |
| Sellita SW200-1 | Sinn, Oris, viele Mittelklasse-Modelle | 650 bis 800 | beidseitig | 38 bis 41 h |
| Sellita SW300-1 | Flachere Sportuhren | 650 bis 800 | beidseitig | 42 bis 56 h |
| Sellita SW500 | Chronographen (7750-Bauart) | 800 | nur im Uhrzeigersinn | ca. 48 h |
| Miyota 8215 / 821A | Citizen, viele Einsteiger-Automatik | 650 bis 950 | einseitig aufziehend, Angaben uneinheitlich: im Zweifel beidseitig | 40 bis 42 h |
| Miyota 9015 / 9039 | Microbrands, flache Sportuhren | 650 bis 950 | einseitig aufziehend, Praxis meist im Uhrzeigersinn | ca. 42 h |
| Seiko NH35 / NH36 | Seiko-Mods, Invicta, Microbrands | 650 | beidseitig | über 41 h |
| Seiko 4R35 / 4R36 | Seiko 5 Sports, Presage-Einstieg | 650 | beidseitig | ca. 41 h |
| Seiko 6R35 / 6R55 | Seiko Prospex, Presage-Oberklasse | 650 | beidseitig | ca. 70 h |
| Citizen 8210 | Citizen-Automatik (Miyota-82xx-Basis) | 650 bis 950 | einseitig aufziehend, im Zweifel beidseitig | über 40 h |
| Rolex 3135 | ältere Submariner, Datejust | 650 | beidseitig | ca. 48 h |
| Rolex 3235 / 3255 | aktuelle Submariner, Datejust, Day-Date | 650 | beidseitig | ca. 70 h |
| Omega 8800 / 8900 | Seamaster, Aqua Terra, Speedmaster-Ableger | 650 bis 800 | beidseitig | 55 bzw. 60 h (Herstellerangabe) |
| Orient F6922 / F6724 | Orient Kamasu, Bambino | keine belegte Angabe: Faustregel 650 | beidseitig (Faustregel) | ca. 40 h (Herstellerangabe) |
Wichtig zur Einordnung: Rolex publiziert selbst keine TPD-Werte, die 650 sind die übereinstimmende Empfehlung der großen Winder-Datenbanken. Bei Werten mit Spannen (etwa der 7750-Gangreserve) nennen die Quellen unterschiedliche Generationen des Werks. Und wo uns schlicht kein Beleg vorliegt, wie bei den Orient-Kalibern, schreiben wir das lieber hin, als eine Zahl zu erfinden: Mit der Faustregel bist du dort auf der sicheren Seite.
Drehrichtung verstehen: beidseitig, einseitig und der Miyota-Fall
Automatikwerke unterscheiden sich darin, wie der Rotor die Feder spannt. Beidseitig aufziehende Werke wie ETA 2824-2, Sellita SW200-1, Seikos Magic-Lever-Konstruktionen und moderne Rolex-Kaliber nutzen jede Rotordrehung, egal in welche Richtung. Für sie ist der wechselnde Modus des Bewegers ideal. Einseitig aufziehende Werke wie das Chronographen-Kaliber ETA 7750 spannen nur in einer Drehrichtung effizient, dort empfehlen die Datenbanken den Lauf im Uhrzeigersinn.
Ein ehrliches Wort zur Miyota-Familie, denn hier widersprechen sich selbst die Fachquellen: Die 82xx- und 90xx-Serien ziehen einseitig auf, doch ob der Beweger dafür links- oder rechtsherum laufen soll, geben Datenbanken und Praxisberichte unterschiedlich an, auch weil die Blickrichtung (auf das Zifferblatt oder auf den Boden) je Quelle variiert. Die robuste Lösung ist unspektakulär: Starte im beidseitigen Modus. Der zieht jedes einseitige Werk trotzdem auf, nur etwas langsamer, und die Gangkontrolle aus dem nächsten Abschnitt verrät dir, ob eine Einzelrichtung besser funktioniert.
Daraus folgt die wichtigste Merkregel dieser Seite: Der beidseitige Modus schadet keinem Automatikwerk. Er ist die richtige Standardwahl für gemischte Sammlungen und für jedes Kaliber, das nicht in der Tabelle steht.
Schritt für Schritt: So stellst du deinen Beweger richtig ein
- Uhr von Hand voll aufziehen: Ein Beweger hält den Aufzug, er ersetzt ihn nicht. Starte mit voller Zugfeder (bei Automatik ohne Handaufzug: die Uhr vor dem Auflegen einige Minuten tragen oder schwenken).
- Standard einstellen: 650 TPD, beidseitige Drehrichtung, Ruhephasen aktiv. Bei Kalibern aus der Tabelle übernimmst du direkt deren Werte.
- Zwei Tage Gangkontrolle: Läuft die Uhr nach 48 Stunden auf dem Beweger noch und stimmt die Zeit, passt die Einstellung. Bleibt sie stehen oder geht deutlich nach, erhöhe schrittweise auf 800, dann 950, oder teste bei einseitigen Werken die beiden Einzelrichtungen.
- Minimum behalten: Sobald die Uhr zuverlässig voll bleibt, ist die Einstellung fertig. Höher drehen bringt keinen Vorteil, es bedeutet nur mehr Bewegung.
Welche Geräte diese Einstellungen sauber beherrschen, also getrennte Drehzahlen, alle drei Richtungen und Intervallprogramme, zeigt unsere Uhrenbeweger-Kaufberatung mit den Vergleichen für 1 Uhr und für 2 bis 4 Uhren.
Ruhephasen: Warum gute Beweger meistens stillstehen
Seriöse Uhrenbeweger verteilen die Tagesumdrehungen in Zyklen: einige Minuten Rotation, dann lange Pausen, über 24 Stunden verteilt. Orbita etwa organisiert seine Programme grundsätzlich in solchen Intervallzyklen, und auch die übrigen Qualitätshersteller arbeiten nach diesem Prinzip, weil es dem natürlichen Trageverhalten am nächsten kommt. Dauerrotation ohne Pausen ist dagegen ein Kennzeichen sehr einfacher Geräte und bringt keinerlei Vorteil.
Zusätzliche Nachtruhe-Programme, wie sie etwa Heisse und Söhne mit einer Schlafphase von 22 bis 11 Uhr anbieten, sind fürs Werk nicht nötig, aber praktisch, wenn das Gerät im Schlafzimmer steht. Entscheidend bleibt allein, dass die Tagessumme der Umdrehungen den Bedarf des Kalibers erreicht. Ob sich die Anschaffung für dich überhaupt lohnt, klärt übrigens der Artikel Braucht meine Uhr einen Uhrenbeweger?.
Sonderfälle, die du kennen solltest
Drei Konstellationen verdienen besondere Aufmerksamkeit. Erstens Chronographen mit 7750-Architektur, zu der auch der Sellita-Klon SW500 gehört: einseitiger Aufzug, empfohlene Richtung im Uhrzeigersinn, 800 TPD. Zweitens Vintage-Uhren: Bei Werken aus Zeiten alter Öle und ohne moderne Rutschkupplungs-Konstruktionen gehört die Beweger-Frage in die Hand des Uhrmachers, im Zweifel lieber stehen lassen. Drittens Uhren mit sehr langer Gangreserve wie Powermatic 80 oder Seiko 6R55: Sie überstehen ein ganzes Wochenende ohne jede Hilfe, ein Beweger ist dort reiner Komfort für Vielwechsler.
Und falls deine Uhr trotz korrekter Werte nicht voll bleibt, liegt es selten am Beweger: Eine stark gealterte Zugfeder oder ein überfälliger Service zeigen sich zuerst in schrumpfender Gangreserve. Die Grundlagen zu Werken und Gangreserven erklärt unsere Schwesterseite im Uhrenwissen von TopWatchReviews. Für Beweger im Tresor gelten dieselben Werte, die Besonderheiten der Stromversorgung hinter Panzerstahl behandelt der Vergleich Tresor mit Uhrenbeweger.
Quellen und Belege
Die Werte dieser Seite stammen aus folgenden Quellen (Stand Juli 2026), die wir gegeneinander abgeglichen haben:
- Winder-Einstellungs-Datenbanken: watch-winder.store, Aurawinder TPD-Datenbank, Orbita, Barrington Turns-per-Day
- Kaliber-Spezifikationen: Caliber Corner (ETA 2824-2, Miyota 9015, Seiko NH35A, 4R35/4R36, 6R35, Powermatic 80, Sellita SW200-1)
- Ergänzend: Fachartikel und dokumentierte Praxisberichte zu Miyota-Drehrichtung und 7750-Gangreserve; Widersprüche sind im Text ausgewiesen